Memmingen – Mann will sich in der Stadt umsehen – und gerät unter Terror-Verdacht

Er fragt eine Passantin nach dem Weg zum Rathaus und macht dabei einen entscheidenden Fehler.

Wie leicht gerät man heutzutage unter Terrorverdacht. Wie schnell steht man im Mittelpunkt eines Polizei-Großaufgebots, das einen nach allen Regeln der Wachtmeisterkunst filzt – stets mit der Hand an der Waffe. Das musste der Geschäftsmann Johannes Leichtle neulich iin Memmingen, nin Mitten des Unterallgäus, erleben. Sein Abenteuer ist definitiv erzählenswert, aber man weiß zunächst nicht, ob man darüber lachen oder heulen soll.

Leichtle war auf der Durchreise in Memmingen, und weil er mit seiner Veranstaltungsagentur Großevents organisiert, wollte er die Innenstadt genauer erkunden. Er fragte eine Passantin nach dem Weg zum Rathaus. Sie schickte ihn quer über den Marktplatz. Dann Leichtles entscheidender Fehler: Er hakte nach, ob denn der Marktplatz auch der größte Platz der Stadt sei.

Die Frau fand diese Frage sehr verdächtig. So verdächtig, dass sie sofort die Polizei anrief. Sie vermutete, der Mann mit dem fremden Dialekt (stuttgarterisch!) sei ein Terrorist, der womöglich ein Bombenattentat plane. In Memmingen? Ja, in Memmingen. Die Polizei nahm den Terroralarm ernst. Sehr ernst. Sie observierte den Mann bei seinem Spaziergang. Und schlug dann zu.

Leichtle grübelt noch, ob er lachen oder heulen soll

Polizei Polizist RückenKaum hatte er sein Auto gestartet, wurde er auf offener Straße von einem Streifenwagen angehalten. Er musste mit erhobenen Händen aussteigen. Sekunden später rasten drei Zivilfahrzeuge heran, sechs weitere Polizisten stiegen aus. Sie untersuchten das Auto.

Im Kofferraum viele verdächtige Objekte: Starkstromkabel! Und in einer Tüte ein metallischer Gegenstand. „Was ist das?“, riefen die Polizisten. Leichtle rückte mit der Wahrheit heraus: „Das Raclette von meiner Mutter.“ Auf der Rückbank lag eine Tiefkühltüte. Verdächtig. Leichtle: „Ein Wildschwein.“ Allerdings filetiert.

Irgendwann nahmen die Beamten Leichtle ab, dass er kein Bombenleger ist. „Das war kein Spaß“, sagt er heute. Den Polizisten macht er keinen Vorwurf, die hätten nur ihren Job gemacht. Aber die Reaktion der Passantin findet er schon übertrieben: „Diese Hyper-Sensibilisierung ist ja Wahnsinn.“ Leichtle grübelt noch, ob die baden-württembergische Polizei auch so scharf reagiert hätte. Und ob er die Geschichte zum Lachen oder zum Heulen finden soll. – Stefan Mayer, mit freundlicher Genehmigung der Süddeutschen Zeitung